Herbert Grönemeyer hat es gesungen, und viele Frauen fragen es bis heute: Wann ist ein Mann ein Mann? Vor einiger Zeit fragte mich ein Freund, ob ich bei so viel Frauenversteherei nicht meine Männlichkeit verliere. Es komme ihm so vor, als wolle ich die Frauen besser verstehen als sie sich selbst. Beides kann ich verneinen.
Ich behaupte nicht, alles zu verstehen, was meine Frau will und sagt. Aus Erfahrung weiß ich aber, wie viel es bewirkt, sich um Verständnis zu bemühen. Und dieses Verstehen beginnt bei Männern an einer Stelle, an der viele es nicht vermuten: bei sich selbst.
Sich selbst verstehen
Weißt Du, warum Du manchmal in eine miesepetrige Stimmung gerätst, aus der Du nicht richtig herauskommst? Lässt Du den Stress aus dem Beruf an Deiner Partnerin oder an den Kindern aus? Hast Du ab und zu das Gefühl, haarscharf am Eigentlichen vorbeizusteuern, und weißt nicht mehr genau, was Du der Welt eigentlich mitgeben willst? Dann hast Du den Kontakt zu Deiner Essenz ein Stück weit verloren.
Die Suche nach dem eigenen Gral
Das Mittelalter hat nicht nur Kathedralen hervorgebracht, sondern auch einen Mythos, der bis heute trägt: die Suche nach dem Gral. In der altfranzösischen „Queste del Saint Graal“, die Joseph Campbell in „Reflections on the Art of Living“ zitiert, beschließen die Ritter gemeinsam, sich auf die Suche zu machen. Sie halten es aber für unehrenhaft, als Gruppe loszureiten. Jeder betritt den Wald an der Stelle, die ihm am dunkelsten erscheint, dort, wo es keinen Weg und keinen Pfad gibt.
Die Gralssuche ist auch das zentrale Thema im Parzival des Wolfram von Eschenbach (um 1170–1220). Das Besondere an dieser Geschichte: Sie zeigt einen Weg, das eigene Seelenheil in der Auseinandersetzung mit der Welt zu finden, unabhängig vom Segen der Kirche. Der Gral steht für einen Zugang, den man sich aus eigener Kraft erwirbt, zu der Quelle, aus der sich Lebendigkeit und Mitgefühl erneuern. Männliche Essenz zu finden heißt, diese Suche für Dich selbst zu beginnen.
Zwei Pole in jedem Menschen
Männlich und weiblich lassen sich als zwei Pole verstehen, die sich umso stärker anziehen, je deutlicher jeder seine Eigenart lebt. Diese Pole beschreiben Energien, die in jedem Menschen wirken, in Männern wie in Frauen. In unserer Kultur werden die männlichen Eigenschaften deutlich höher geschätzt: Geradlinigkeit, Durchsetzungskraft, Entscheidungsstärke. Empfindsamkeit, Mitgefühl und intuitives Handeln gelten dagegen schnell als irrational oder werden als unmännlich abgetan.
Männliche Essenz verbindet beides: Klarheit mit Mitgefühl, Kraft mit Einfühlungsvermögen, Streitbarkeit mit Weitblick.
Hinter der Unsicherheit
Der Psychoanalytiker Arno Gruen beschreibt in „Der Verrat am Selbst“, wie viele Männer Hilflosigkeit abwehren, bei sich selbst und bei anderen, weil sie darin Schwäche und Mangel sehen. Wer die eigene Hilflosigkeit nicht spüren will, verschließt sich oft auch dem Mitgefühl und dem Verständnis für andere. Unsicherheit, Verzweiflung oder Ausweglosigkeit zuzulassen, fällt vielen Männern sehr schwer, obwohl selbst Jesus am Kreuz seine Verlassenheit ausgesprochen hat: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Stattdessen wird die Hilflosigkeit mit Aktionismus und Selbstbeherrschung überspielt. Ihre Wurzel hat sie im verlorenen Kontakt zur eigenen Essenz.
Wo also findest Du männliche Essenz? Sie liegt hinter der Unsicherheit. Es gibt keinen Weg drumherum. Sie zu finden heißt, an der dunkelsten Stelle in den Wald zu gehen, dort, wo noch niemand vor Dir gegangen ist. Wenn Du einem Weg folgst, den schon ein anderer gegangen ist, ist das ein Hinweis darauf, dass es nicht Deiner ist.
Still, klar und liebevoll
Ein Mann, der Zugang zu seiner Essenz findet, entwickelt Weisheit und Mitgefühl. Auf dem Weg dorthin ist er sicher genug geworden, seiner immer wieder auftauchenden Unsicherheit freundlich zuzustimmen. In gewisser Weise geht er mit sich selbst so großherzig um wie eine liebevolle Mutter. Damit entlastet er auch seine Partnerin, denn diese Rolle soll sie für ihn gerade nicht übernehmen. Er kennt seine Grenzen, er weiß um seine Endlichkeit, und er handelt im Bewusstsein, wie zerbrechlich die Welt und ihre Bewohner sind.
Männliche Essenz ist still, klar und liebevoll. Ein Mann, der sie stärken will, sucht immer wieder das Alleinsein ohne Ablenkung. Er nutzt die Stille, um sich immer tiefer mit der Frage zu beschäftigen: Was will ich wirklich? Dort findet er heraus, welche Menschen ihm wichtig sind und was er für sie tun kann.
Aus dieser Stille schöpft er die Kraft, seine eigene Botschaft in die Welt zu tragen. Bequem ist das nicht immer. Wer eine eigene, unangepasste Wahrheit gefunden hat, stellt mit seinem Handeln manche gewohnte Lebensweise in Frage und stößt auf Widerstand. Dafür lebt er sein eigenes Leben.
Worum es hier geht
Die Texte in diesem Bereich handeln von Selbstverständnis, Verantwortung, Präsenz, emotionaler Reife, innerer Freiheit und von Beziehungen. Sie beschreiben kein Männlichkeitsideal, dem Du entsprechen sollst, und sie führen keinen Kampf der Geschlechter. Sie laden Dich ein, Deine eigene Stelle im Wald zu finden.