Orientierung

Ehekrise: Bleiben oder gehen? Eine Orientierung für Paare.

Trennung oder Beziehung retten? Und warum Ehekrisen auch persönliche Krisen sind.

Wenn ein Paar in einer Ehekrise steckt, ist die Versuchung groß, die Schuld beim anderen zu suchen. Wir leben ohnehin in einer Kultur, die gerne jemanden schuldig macht. Läuft etwas schief, suchen wir eine Person, die dafür verantwortlich ist, und meistens fällt die Wahl auf den Menschen neben uns. Gleichzeitig wäre das Ende der Partnerschaft für die meisten eine Katastrophe. Deshalb stecken viele Paare lieber den Kopf in den Sand, gerade dann, wenn es darum ginge, die Beziehung ehrlich auf den Prüfstand zu stellen.

Dieser Text ist eine Orientierung für die Frage, die hinter jeder ernsten Krise steht: Bleiben oder gehen?

Wie seid Ihr dort gelandet, wo Ihr jetzt seid?

Eine Beziehung lässt sich nur retten, wenn klar ist, wie die Krise entstanden ist. Ohne Bestandsaufnahme lässt sich wenig erreichen. Nimm Dir Papier und Stift und beantworte die folgenden Fragen schriftlich. Es macht einen großen Unterschied, ob ein Gedanke nur gedacht oder ausformuliert und aufgeschrieben wird.

  • Wie lange empfindest Du Eure Beziehung schon als gestört? Vielleicht wusste ein Teil von Dir schon länger Bescheid, als Du es wahrhaben wolltest.
  • Was waren die ersten Anzeichen? Und was hältst Du heute für den Kern der Störung?
  • Welche Vorwürfe machst Du Deiner Partnerin oder Deinem Partner? Und welche machst Du Dir selbst?
  • Was hast Du versucht, um etwas zu verändern? Und wie hast Du reagiert, wenn es nicht gelungen ist?

Wer ist schuld an der Ehekrise?

Warum sagen wir so selten: „Ich bin schuld“? Das Wort Schuld trägt in unserer Kultur eine enorme Last. Es erinnert an die Vertreibung aus dem Paradies. Leichter zu verstehen ist es, wenn wir das Paradies als einen inneren Zustand begreifen: als die Geborgenheit, in der wir einmal emotional und körperlich vollständig aufgehoben waren. Je nach Lebensgeschichte haben wir diesen Zustand schon früh verloren, in der Schwangerschaft, in den ersten Lebensmonaten oder in der Kindheit. Das gehört zur Tragik des Menschseins.

Mehr oder weniger bewusst sehnen wir uns immer nach diesem Paradies zurück. Eine der Hoffnungen, ihm näherzukommen, ist die innige Beziehung zu dem Menschen, in den wir uns verliebt haben. Stellt sich nach Monaten oder Jahren heraus, dass dieser Mensch uns das Paradies nicht zurückgeben kann, werden wir unzufrieden. Und dann liegt der Gedanke nahe, dass er schuld daran ist.

Den Weg zurück ins Paradies gibt es nicht. Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter Gefühlen wie bedrängt, übergangen, hintergangen oder zurückgesetzt zu sein häufig ein altes Gefühl der Minderwertigkeit. In diesem Moment hast Du die Wahl: Du kannst diesem Gefühl auf den Grund gehen, oder Du sagst „Du bist schuld“. Ein solcher Satz schafft jedes Mal eine kleine Trennung. Anfangs ist sie nur von kurzer Dauer. Wiederholt sie sich oft genug, beendet sie die Beziehung.

Eine Ehekrise ist auch eine persönliche Krise

Der Weg aus einer Ehekrise ist deshalb immer auch ein Weg zu Dir selbst. Die Spirale aus Schuld und Vorwurf, Angriff und Gegenangriff endet erst, wenn wenigstens einer von beiden sie unterbricht. Es spielt keine Rolle, wer den Anfang macht. Nur einer muss ihn machen. Wenn einer aufhört zu streiten, gibt es keinen Streit mehr, solange er sich nicht wieder hineinziehen lässt.

Dazu gehört, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und genauso für das eigene Nicht-Handeln. Es reicht nicht, vom anderen zu erwarten, dass er sich für seinen Teil verantwortlich erklärt. Der Frieden beginnt bei Dir. Ob Dein Gegenüber davon berührt wird und einen eigenen Weg nach innen beginnt, kannst Du nicht vorhersehen. In gewisser Weise musst Du die Beziehung loslassen, um sie gewinnen zu können.

Was eine Beziehung wieder lebendig macht

Die Kinder bleiben draußen. In einem Paarstreit werden Kinder leicht zum Werkzeug: Sie werden ins Vertrauen gezogen und sollen Partei ergreifen, der Kontakt zu ihnen wird als Druckmittel benutzt, sie sollen Argumente stützen oder Mehrheiten schaffen. Erwachsene Konfliktlösung schützt die Kinder. Das heißt: nicht streiten, wenn sie dabei sind, und ihnen sagen, dass die Eltern ihren Streit selbst klären.

Zeit zu zweit wird wieder wichtig. Die meisten Paare achten zu wenig auf gemeinsame Zeit, und wenn Kinder da sind, wird sie zuerst gekürzt. Wir gehen davon aus, dass wir uns ohnehin lieben. Liebe bleibt aber nur, wenn sie genährt wird: durch Austausch, Aufmerksamkeit und Zeit. Paarzeit entsteht nicht von allein. Sie muss geplant und verteidigt werden wie jeder andere Termin. In der Krise wirkt gemeinsame Zeit eher wie eine Bedrohung als wie ein Angebot. Und doch gibt es ohne Austausch keinen Weg zurück.

Das Gespräch kommt wieder in Gang. Funktionierende Paarkommunikation hat drei Teile: klar sprechen, respektvoll zuhören und vollständig verstehen. Respektvoll zuhören heißt, den anderen ausreden zu lassen und für diesen Moment den eigenen Kommentar und den eigenen Widerstand zurückzustellen. Das hat nichts mit Unterordnung zu tun. Klar sprechen heißt, etwas über Dich selbst mitzuteilen, ohne Vorwurf, ohne Anklage und ohne Beleidigtsein, eine Art Selbstporträt ohne Schuldzuweisung. Je weniger Kommentar, desto mehr Verstehen.

Bedürfnisse kommen auf den Tisch. Wenn das gelingt, kann das zur Sprache kommen, was in den letzten Jahren ungesagt geblieben ist, auch Zärtlichkeit und Sexualität. Es ist heilsam, einander die eigenen Empfindlichkeiten und Unzulänglichkeiten zu zeigen. In dieser Verletzlichkeit respektvoll empfangen zu werden, vertieft die Verbundenheit.

Wenn nichts mehr geht

Für manche Paare kommt trotzdem irgendwann der Punkt, an dem über Trennung nachgedacht wird. Zuerst taucht der Gedanke nur im Hinterkopf auf und wird sofort verworfen. Irgendwann erscheint er wie der einzige Weg, der noch bleibt. Häufig hat sich die Beziehung dann in einem von drei Zuständen festgefahren:

  • Stillstand: Es geht weder vor noch zurück. Beide belauern sich, und wer sich zuerst bewegt, hat verloren.
  • Dauerstreit: Kleinigkeiten eskalieren in Windeseile. Jeder Versuch der Annäherung wird als Angriff verstanden und löst einen Gegenangriff aus.
  • Gleichgültigkeit: Was einer sagt, löst beim anderen weder Abwehr noch Zustimmung aus. Diese Ignoranz ist eine Trennung nach innen.

Spricht einer von beiden die Trennung aus, entfaltet schon der Gedanke eine große Wirkung. Selbst wenn er nur aus Verzweiflung kommt, kann der andere ihn als längst vorbereitet verstehen. Hier kann es den Druck nehmen, über eine Trennung auf Zeit zu sprechen.

Trennung auf Zeit

Ich habe in der Beratung gute Erfahrungen damit gemacht, eine Trennung auf Zeit zu vereinbaren. Sie wirkt wie ein Faktencheck: Was innerlich schon getrennt war, wird im Außen sichtbar. Beide erleben sich unabhängiger vom anderen und spüren genauer, was ihnen fehlt und welcher Raum entsteht. Fehlt mir der andere? Was genau fehlt mir? Kann ich mir vorstellen, darüber zu sprechen? Manchmal entsteht dabei sogar wieder etwas von der Spannung des Anfangs, ein bisschen Unsicherheit, ein bisschen Flirt, auf der Grundlage des Vertrautseins.

Eine Trennung auf Zeit unterscheidet sich von einer Hals-über-Kopf-Aktion durch Vereinbarungen. Beide klären, wie sie erreichbar sind, welche Themen nur im persönlichen Gespräch besprochen werden, ob das bisherige Treueversprechen weiter gilt und zu welchen festen Zeiten sie sich treffen. Dazu kommt, wer auszieht, wie die Kinder betreut werden und wie lange das Experiment dauern soll. Die Kinder erfahren je nach Alter, was die Eltern entschieden haben und für welchen Zeitraum. Die Hintergründe bleiben Sache der Eltern.

Freunde und Verwandte sind dabei nicht automatisch Unterstützer. Wer sich eine Freiheit nimmt, die andere sich selbst nicht erlauben, stößt oft auf moralische Ermahnungen. In einer Zeitschrift habe ich einmal einen Cartoon mit zwei Schildern gesehen, wie sie an Gartentoren hängen. Das erste, „Ausfahrt freihalten“, war durchgestrichen. Auf dem zweiten stand: „Freiheit aushalten“.

Bleiben oder gehen

Eine Trennung auf Zeit ist ein gemeinsames Projekt, und gerade dadurch verbindet sie. Manchmal zeigt sich, dass das Getrenntleben mehr Leichtigkeit bringt. Manchmal zeigt sich, wie tief die Verbundenheit ist und wie wenig Gewicht die alltäglichen Auseinandersetzungen eigentlich haben. Beide Ergebnisse sind gleichwertig, denn beide schaffen Klarheit über den weiteren Weg. Und wenn es zur endgültigen Trennung kommt, gehen beide mit der Erfahrung hinein, dass sie ihr Leben nicht zerstört.

Ob Ihr bleibt oder geht: Der Weg dorthin führt jedes Mal über die Frage, was Du selbst zur Krise beiträgst und was Du wirklich willst.

Wenn Gespräche nicht mehr möglich sind oder eine Trennung im Raum steht, kann eine Paartherapie in Hamburg sinnvoll sein.

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