Polarität

Männer und Frauen in Beziehungen: Warum wir so unterschiedlich fühlen

Gefühle, Reife und gegenseitiges Verstehen

Am Anfang einer Liebe ist die Anziehung fast mühelos da. Zwei Menschen können kaum voneinander lassen, und alles am anderen wirkt aufregend. Die Hormone spielen dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Viele Paare wissen aber auch, dass dieser erste Schwung nach ein bis zwei Jahren nachlässt. Was danach trägt, ist keine Frage der Biologie oder der Körperchemie mehr. Es ist eine Frage der Polarität, und die will regelmäßig erneuert werden.

Eine häufig gewählte Form der Erneuerung ist der Partnerwechsel. Nach dem x-ten Mal wird das allerdings recht mühsam. Dieser Bereich beschäftigt sich mit den Alternativen: mit der Frage, was zwei Menschen, die sich in einer langlebigen Beziehung befinden, weiter füreinander anziehend macht und wie sie ihre Verschiedenheit verstehen, statt sie zu bekämpfen.

Was Polarität ist

Damit sich zwei Pole anziehen, müssen sie geladen sein. Oft entsteht Verwirrung, wenn diese Pole „männlich“ und „weiblich“ genannt werden. Dann werden sie leicht auf Männer und Frauen bezogen, als ausschließliche Eigenschaften der Geschlechter, und dienen im schlimmsten Fall dazu, alte Rollenbilder festzuschreiben.

Treffender ist es, sie als gegensätzliche Energiemuster menschlichen Verhaltens zu sehen, die zusammen einen Tanz ergeben. Dieser Tanz ist unabhängig vom körperlichen Geschlecht. Es lassen sich zwar Vorlieben der Geschlechter beobachten, ob sie kulturell oder biologisch begründet sind, lasse ich hier offen. Um die Verwechslung zu vermeiden, nenne ich die beiden Pole „solar“ und „lunar“.

Zwei Pole – eine kleine Liste

Die folgenden Gegensatzpaare sind nur eine kleine Auswahl. Sie sollen das Nachdenken über Polarität anregen. Lies sie langsam und spüre bei jedem Paar, zu welcher Seite Du Dich eher hingezogen fühlst und wo Deine Partnerin oder Dein Partner steht.

  • Strukturen schaffen oder Beziehungen pflegen
  • Häuser planen und bauen oder Räume einrichten und gestalten
  • Entscheiden durch Nachdenken oder Entscheiden durch Vorfühlen
  • Rhythmus oder Tanz
  • Stilles Beobachten oder Dinge fühlen, riechen, anfassen
  • Regeln und Gesetze oder Stimmungen und Gefühle
  • Den Ton angeben oder der inneren Stimme folgen
  • Unbekanntes Terrain erforschen oder den Garten gestalten
  • Wettkämpfe ausfechten oder Netzwerke knüpfen
  • Kinder lernen durch Herausforderung oder Kinder lernen durch Dabeisein
  • Impulse geben oder Impulse aufnehmen und verarbeiten
  • Etwas leisten oder etwas empfinden

Wer sich meistens in der Mitte wiederfindet, ist ein ausbalancierter Typ. Er passt wahrscheinlich am besten zu einem ebenfalls ausbalancierten Menschen. Solche Paare haben oft einen größeren Gesprächsbedarf, weil sie ihre Rollen immer wieder neu klären müssen. Dafür genießen sie es, eine größere Bandbreite an Rollen einzunehmen.

Ohne Ladung keine Anziehung

Wer sich deutlich auf der solaren oder der lunaren Seite wiederfindet, braucht in seinem Leben Menschen, die den Gegenpol verkörpern. Eine Arbeitsbeziehung funktioniert schlecht, wenn Chef und Mitarbeiter beide nur auf Impulse von außen warten und keiner von beiden einen gewagten Vorstoß macht. Und eine Liebesbeziehung, in der beide wettkampfversessen sind, hält selten lange, weil der Ausgleich durch gegenseitige Anteilnahme fehlt.

Wenn die Anziehung in Eurer Partnerschaft schwächer geworden ist, kann das zwei Gründe haben. Vielleicht hast Du Deinen eigenen Pol zugunsten Deiner Partnerin oder Deines Partners immer mehr vernachlässigt. Oder Du hast vom anderen gefordert, es mehr so zu machen, wie es für Dich richtig ist. Was für den einen gut ist, passt oft nicht für den anderen. Wenn zwei Menschen versuchen, sich in allem aneinander anzupassen, verwässert das die Kraft, die sie verbindet.

Den eigenen Pol stärken

Polarität lässt sich pflegen. Wenn Du Dich eher als solaren Menschen erlebst, stärkst Du Deinen Pol vielleicht durch ein Tennismatch oder eine Partie Schach, durch eine Wanderung bei rauem Wetter oder durch stilles Dasitzen und Beobachten des Treibens auf dem Marktplatz. Wenn Du Dich eher lunar erlebst, nimm Dir Zeit, Deine Umgebung schön zu gestalten, Kontakte zu pflegen oder kleine Geschenke für Freunde vorzubereiten.

Zwingt Euch aber nicht gegenseitig, den Pol zu wechseln. Das macht unglücklich. Die Anziehung entsteht gerade daraus, dass jeder seine Eigenart deutlich lebt und der andere sie sehen kann.

Führen und folgen

Polarität zeigt sich besonders deutlich in einem alten Bild: dem Tanz. Ein Paartanz wird lustvoll, wenn es auf der einen Seite eine führende Kraft gibt und auf der anderen Seite Entspannung. Wer führt, ist dabei keine Frage des Geschlechts. Es ist eine Frage des Pols, den jemand in diesem Moment einnimmt.

Führen bedeutet nicht reißen oder befehlen. Gemeint ist eine Verbindung aus Klarheit darüber, was ich vorhabe, und beständigen, sanften Hinweisen, welche Figur ich als nächstes tanzen möchte. Wer führt, dient dabei dem anderen: Er sorgt dafür, dass sein Vorhaben dem Gegenüber mehr Tiefe und Entspannung ermöglicht. Er achtet darauf, ob er wirklich dem Menschen in der Tiefe begegnet oder nur einem oberflächlichen Wunsch nachkommt.

Folgen bedeutet nicht Willenlosigkeit oder Gehorsam. Gemeint ist eine wache, offene Bereitschaft, sich von der nächsten Figur überraschen und an einen unbekannten inneren Ort führen zu lassen. Darin steckt Hingabe an die Erfahrung, dass das Leben Impulse bereithält, die durch den eigenen Widerstand hindurch zu einem umfassenderen Glück führen können.

Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben. Vor einigen Jahren waren meine Frau und ich im Frühsommer auf Gebirgstour in Lappland. Ich hatte das Ziel ausgesucht, die Route geplant und ein paar Jahre gewartet, bis meine Frau bereit war, so einen Urlaub mitzumachen. Ihre Kommentare in diesen Tagen klangen, stark verkürzt, so:

  • Am ersten Tag: „Mein Gepäck ist so schwer. Das schaffe ich nicht.“
  • Am zweiten Tag: „Wie steinig der Weg ist. Wenn das so bleibt, habe ich keine Lust mehr weiterzugehen.“
  • Am dritten Tag: „Schau mal, die vielen Rentiere!“
  • Am vierten Tag: „Können wir nicht vier Wochen hierbleiben statt nur einer?“

Was war geschehen? Am ersten Tag haben wir nach zwei Kilometern das Zelt aufgebaut. Am zweiten Tag haben wir sehr viele Pausen gemacht. Am dritten Tag begann sich die Landschaft zu weiten, und wir hatten das Glück, Rentiere auf dem Weg zu ihren Sommerweiden zu sehen. Am vierten Tag lag bei strahlendem Wetter eine weite, menschenleere Landschaft vor uns, die uns beide tief berührt hat. Das war der Höhepunkt der Reise, kein Gipfel und keine Kilometerleistung. Der Wunsch nach vier Wochen war eigentlich der Wunsch, diese Berührung zu verlängern.

Gesundes Führen heißt, am Vorhaben festzuhalten und die Form dem Menschen anzupassen. Das äußere Ziel ist dabei weniger wichtig als das innere Erleben. Am Ende der Reise stand ein Stein mit der Inschrift: „Die längste Reise ist die Reise nach innen.“

Kulturelle Übersetzung

Ich habe viele Jahre als Übersetzer für den amerikanischen Zen-Lehrer Gregory Campbell gearbeitet. Er hatte dieselbe Aufgabe zuvor für seinen japanischen Lehrer übernommen und wusste, dass Übersetzen immer auch Deuten und Anpassen an einen anderen Kulturraum ist. Für unsere zunehmend freiere Übertragung ins Deutsche haben wir deshalb den Begriff der kulturellen Übersetzung verwendet. Es ging darum, dem Inhalt und der Bedeutung gerecht zu werden, weniger dem genauen Wortlaut.

Zwischen den Polen braucht es oft eine ähnliche Übersetzung. Solar geprägte Kommunikation sucht eher Freiheit: frei von Problemen, frei von Hindernissen, frei von Ablenkung. Lunar geprägte Kommunikation sucht eher Verbindung: Sie hält die Beziehung durch das Gespräch lebendig und fühlt sich über Haltung, Tonfall und Mimik in den anderen ein. Das sind Tendenzen, keine festen Eigenschaften. Gerade in persönlichen Beziehungsfragen fallen wir aber leicht in diese Muster zurück, und dann hört der andere etwas anderes, als wir gemeint haben.

  • Gesagt: „Nie gehst Du mit mir aus.“ Gehört: „Nichts von dem, was Du für mich tust, zählt.“ Übersetzt: „Mir fehlt die Zeit mit Dir, und es fühlt sich an, als ob Du sie gar nicht mehr willst.“
  • Gesagt: „Sag doch mal was.“ Gehört: „Dein Schweigen geht mir auf die Nerven.“ Übersetzt: „Wenn Du schweigst, weiß ich nicht, woran ich bin, und werde immer unsicherer.“
  • Gesagt: „Das ist doch kein Problem. Mach es einfach so.“ Gehört: „Stell Dich nicht so an.“ Übersetzt: „Erzähl mir, warum es für Dich ein Problem ist. Ich höre Dir bis zum Schluss zu.“
  • Gesagt: „Ich bin müde.“ Gehört: „Für alles andere habe ich Kraft, nur für Dich nicht.“ Übersetzt: „Ich bin müde, und das liegt nicht an Dir.“
  • Gesagt: Schweigen. Gehört: „Du interessierst mich nicht.“ Übersetzt: „Mir ist gerade nicht nach Reden. Lass mich eine Weile allein, danach bin ich wieder für Dich da.“

Wer übersetzt, nimmt sich und den anderen ernst. Die Übersetzung erzählt, was in mir vorgeht, statt dem anderen etwas vorzuwerfen. Das macht es dem Gegenüber leichter, zuzuhören, ohne sich verteidigen zu müssen.

Was der Gegenpol braucht

Aus meiner Arbeit mit Paaren kenne ich einige Bedürfnisse, die der jeweils andere Pol leicht übersieht. Sie gelten in beide Richtungen, auch wenn sie in vielen Beziehungen ungleich verteilt sind.

  • Gehört werden statt Lösungen bekommen. Wer sich bei schlechter Laune lieber zurückzieht, um sie allein zu verarbeiten, vergisst leicht, dass sie sich beim anderen oft erst im Gehört- und Verstandenwerden auflöst. Das gelingt, wenn Du da bleibst, ohne Dich zu rechtfertigen, und zuhörst, ohne zum Gegenangriff zu starten, auch wenn die erste Welle der Vorwürfe Dich selbst trifft. Eine Lösung findet Dein Gegenüber meistens selbst. Es braucht dafür jemanden, der hilft, den eigenen Gefühlen auf den Grund zu gehen.
  • Grenzen mit Humor. Wer den anderen wirklich kennenlernen will, entdeckt früher oder später auch seine Schattenseiten und beginnt, sie zu kritisieren. Das ist kein Drama und kann ein guter Anlass sein, das eigene Verhalten zu überprüfen. Der Wunsch, den anderen zu verbessern, braucht aber auch ein freundliches Gegengewicht: „Mich gibt es nur in dieser Ausgabe.“ Mit Humor gesagt, ist das ein Kontra, das die Beziehung stärkt.
  • Sicherheit heißt Zugehörigkeit. Das Bedürfnis nach Sicherheit wird häufig als Auftrag missverstanden, noch mehr Geld zu verdienen. Dahinter liegt oft der Wunsch dazuzugehören, und Zugehörigkeit lässt sich nicht bezahlen. Sie wächst aus einem eindeutigen Bekenntnis zum anderen. Wenn Du dieses Bekenntnis auch an Tagen aufrechterhältst, an denen Dein Gegenüber die Beziehung in Frage stellt, wächst in der Tiefe das Vertrauen.
  • Standhaftigkeit und Qualitätszeit. Wenig bringt den anderen so sehr auf die Palme wie jemand, der sein Fähnchen nach dem Wind hängt, selbst wenn er den Wind selbst gemacht hat. Ein Freund hatte begonnen, einen Segelschein zu machen, und seine Partnerin beklagte, dass er nun noch weniger Zeit für sie habe. Mein Rat: dabei bleiben und einen angemessenen Ausgleich anbieten. Gemeint ist Qualitätszeit, in der er sich ihr und nur ihr widmet, so wie beim Segeln nur das Segeln zählt. Gemeinsam vor dem Fernseher zu sitzen, reicht dafür nicht.

Gemeinsam verschieden sein

Um Polarität als Kraft in Eurer Beziehung stärker zu erleben, könnt Ihr Euch gemeinsam hinsetzen und die Liste oben ergänzen. Sucht weitere Gegensatzpaare und findet heraus, wer was mehr oder weniger mag. Erlaubt Euch gegenseitig, die eigene Seite stärker zu erforschen und zu leben.

Die Andersartigkeit des anderen muss kein Vorwurf sein. Man kann sie auch bewundernd genießen. Je deutlicher jeder von Euch seinen Pol lebt und je besser Ihr einander übersetzen könnt, desto mehr Spannung, Neugier und Freude bleibt zwischen Euch, auch nach vielen Jahren.

Wer diese Verschiedenheit über längere Zeit gemeinsam üben möchte, findet im begleiteten Beziehungskurs einen Rahmen dafür.

∆