Respektlosigkeit beginnt selten mit einem lauten Streit. Meistens beginnt sie mit einem Augenrollen, einem Seufzen, einem Satz, der mittendrin abgeschnitten wird. Je länger zwei Menschen zusammenleben, desto leichter lassen sie immer mehr von der Rücksicht weg, mit der sie einander am Anfang begegnet sind. Über die Jahre stellt sich ein leises Genervtsein ein und mit ihm Antworten, die den anderen kleiner machen.
Respekt und Grenzen gehören zusammen. Respektlos bin ich auf zwei Arten: aktiv, wenn ich die Grenzen des anderen überschreite, und passiv, wenn ich meine eigenen Grenzen so undeutlich halte, dass sich der andere bei der Suche nach mir ständig verirrt. Meistens geschieht beides gleichzeitig, denn an jeder Begegnung sind zwei beteiligt. Deshalb wachsen Konflikte genau dort, wo Grenzen unklar sind.
Woran Du Respektlosigkeit erkennst
Aus meiner Arbeit mit Paaren kenne ich viele Formen:
- Den anderen nicht ausreden lassen. Wer nicht zu Ende zuhört, ersetzt die Auskunft des anderen durch eine eigene Vermutung, und der andere fühlt sich mit dem, was ihm am Herzen liegt, nicht wahrgenommen.
- Nachtragend sein. Wer dem anderen alte Fehler vorhält, hält ihn in der Opferrolle und stellt sich selbst darüber. Respekt gibt es nur auf Augenhöhe.
- Vorwürfe machen. Ein Vorwurf soll den anderen schuldig machen und verschweigt dabei den eigenen Wunsch, um den es eigentlich geht.
- Beschimpfen. Wer beschimpft, tut dies oft aus einem Unterlegenheitsgefühl und überspielt das, statt sich verletzlich zu zeigen.
- Beschimpfungen runterschlucken. Wer in Konflikten „ruhig bleibt“, statt Farbe zu bekennen, sammelt Druck an, der sich später in einer Breitseite entlädt.
- Gleich explodieren. Wer ständig unter Strom steht und bei Kleinigkeiten in die Luft geht, kümmert sich zu wenig oder nicht rechtzeitig um den eigenen Gemütszustand.
- Den anderen deuten. Sätze wie „Du meinst wahrscheinlich …“ oder „Du bist wie …“ nehmen dem anderen die Freiheit, sich selbst zu erklären.
- Unvollständig sprechen. Wer Sätze und Erklärungen nicht zu Ende bringt, überlässt dem anderen die Arbeit des Verstehens und verweigert damit ein Stück Nähe.
Allen diesen Formen ist eines gemeinsam: Sie halten den anderen auf Abstand.
Zwei alte Wunden
Warum reagieren wir auf manche Grenzverletzungen so heftig, als ginge es ums Überleben? Häufig wird in solchen Momenten ein sehr frühes Gefühl wieder wach. Die frühesten Verletzungen, die ein Kind erfahren kann, gehen in zwei Richtungen: Vernachlässigung bis hin zum völligen Übersehenwerden auf der einen Seite, Übergriffigkeit bis hin zur Vereinnahmung auf der anderen. Beides kann körperlich oder emotional geschehen sein.
Jeder von uns hat eine bevorzugte Schmerzrichtung. Entweder fürchten wir, verlassen zu werden, oder wir sind ständig bereit, unsere Freiheit zu verteidigen. Wer um seine Freiheit fürchtet, bleibt vorsichtig mit Verbindlichkeit: Zusagen bleiben vage, es gibt immer einen Vorbehalt. Wer fürchtet, verlassen zu werden, versucht den anderen festzuhalten, mit Andeutungen, Dramen und schlechtem Gewissen, manchmal auch mit Eifersucht.
Treffen beide Richtungen in einer Beziehung aufeinander, wird es schnell kompliziert. Der eine zieht sich zurück, der andere hält fester, und nach kurzer Zeit fühlt es sich an, als zankten sich zwei Kinder. Meist tragen wir ohnehin Narben aus beiden Richtungen in uns. Die alten Gefühle mit allen dazugehörigen Reaktionsmustern nenne ich den Schmerzkörper.
Deine Reaktion gehört Dir
Ein erster Schritt ist, die eigene Schmerzrichtung zu kennen. Was trifft Dich schwerer: verlassen zu werden oder bevormundet zu werden? Welche Sätze und Verhaltensweisen Deiner Partnerin oder Deines Partners bringen Dich besonders schnell in den alten Zustand, in den Widerstand gegen jede Einmischung oder in das stille „Bitte verlass mich nicht“?
Dann folgt der entscheidende Schritt: Du erklärst Dich zum Besitzer dieser Reaktionen. Was Dein Gegenüber sagt und tut, verarbeitest Du auf Deine eigene Weise. Du kannst in die gewohnte Opferkiste greifen und das alte Drama auffrischen. Oder Du nutzt die Situation, um etwas Neues zu lernen.
Grenzen ziehen, ohne zu verletzen
Eine Grenze zu ziehen ist selbst ein Akt von Respekt. Auf erwachsene Weise geschieht es in drei Schritten: Du benennst die Grenzverletzung, beschreibst, wie sie auf Dich wirkt, und bittest um ein anderes Verhalten. Dahinter steht ein Bedürfnis, das bisher nicht erfüllt wurde. Wenn Du es aussprichst und um eine passende Form der Erfüllung bittest, verliert das Drama seinen Boden.
Jede Antwort ist eine Auskunft. Du bekommst ein Ja oder ein Nein, und beides kannst Du als Information nehmen. Wenn Du diesen Weg immer wieder gehst, entsteht mit der Zeit ein genaues Bild davon, was Dein Gegenüber geben will und geben kann. Bekommst Du zu oft ein Nein, stellt sich die Frage, in welcher Weise diese Beziehung Dein Leben bereichert. Ein emotional unabhängiger Mensch kann dann auch die Konsequenz ziehen und gehen. Wer emotional abhängig ist, hat diese innere Freiheit noch nicht.
Dasselbe gilt in die andere Richtung. Deine Bereitschaft, die Bedürfnisse des anderen zu verstehen, ist genauso wichtig. Frag nach, wo Du Grenzen überschreitest und was Du geben kannst. Wir sollten einander zugestehen, ein verletzliches Innenleben zu haben. Je genauer wir einander mitteilen, welchen Umgang wir uns wünschen, desto größer ist die Chance, ihn zu bekommen. Man könnte sagen: Jeder gibt dem anderen eine kleine Bedienungsanleitung für sich selbst.
Respekt heißt berührbar bleiben
Respektlosigkeit ist die Abwesenheit von Nähe. Sie schützt das eigene Ich mit seinen Vorstellungen und Urteilen vor dem anderen. Respekt wächst in dem Maß, in dem ich mir erlaube und traue, berührbar zu sein. Berührbarkeit beschreibe ich als eine Achtsamkeit des Herzens: Ich verschiebe meine Aufmerksamkeit vom Schutz meines Ichs hin zu dem Wunsch, mich und den anderen willkommen zu heißen.
Solche Nähe ist immer respektvoll. Und sie ist erlernbar.
Wenn Gespräche nicht mehr möglich sind oder eine Trennung im Raum steht, kann eine Paartherapie in Hamburg sinnvoll sein.