Nähe

Zu wenig Nähe in der Beziehung? Wie Intimität wieder entstehen kann

Nähe, Sexualität und Verbundenheit im Paar

Neulich machte mich eine Journalistin darauf aufmerksam, dass es in vielen Sprachen kein Wort für „Geborgenheit“ gibt. Ich habe sofort in meinem englischen Wörterbuch nachgeschaut, und sie hatte recht: Die dürftige Übersetzung lautet „security“. Das ist weit entfernt von dem, was wir mit Geborgenheit verbinden. Dazu gehört Sicherheit, aber eben auch Wärme, Zuwendung, Schutz, Verbundenheit, Austausch und Zugehörigkeit.

Viele Paare beschreiben Geborgenheit als Bedürfnis und erleben sie als Mangel. Sie wünschen sich mehr Nähe und mehr Intimität, oft auch mehr Sexualität, und finden den Weg dorthin nicht mehr. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Warum Geborgenheit verloren geht

  • Die Beziehung wird nicht mehr gepflegt. Gespräche, Freundschaft, gemeinsame Unternehmungen und das Liebesleben brauchen Zeit. Werden sie zu lange vernachlässigt, schwindet die Verbundenheit, und mit ihr löst sich allmählich die Geborgenheit vom Anfang auf.
  • Die Fürsorge wandert zu den Kindern. Nach der Geburt richten sich Zuwendung und Schutz ganz natürlich auf die Kinder. Oft tun beide dabei zu viel des Guten, verlieren einander aus dem Blick und vergessen, ihr eigenes Bedürfnis nach Geborgenheit auszusprechen. Über kurz oder lang wird daraus ein Vorwurf: Man ist sich nicht mehr sicher, beim anderen willkommen und geliebt zu sein.
  • Erotik und Geborgenheit konkurrieren miteinander. Für lebendige Erotik muss der andere ein Stück weit fremd bleiben, ein anderer Pol mit einem gewissen Maß an Unberechenbarkeit. Das hält die Anziehung lebendig und erneuert sie. Geborgenheit dagegen kann ein Gefühl wie zwischen Mutter und Kind entstehen lassen: sicher und wohlig, aber ohne Raum für Sexualität.

Manche Paare sind schon einen Schritt weiter. Weder Erotik noch Geborgenheit sind in einem zufriedenstellenden Maß vorhanden. Dann arrangieren sich beide mit dem Minimum und sind unterschwellig unzufrieden oder zornig, oder einer von beiden macht sich auf die Suche nach einem neuen Glück. Solange die Beziehung noch besteht, steht diese Suche unter einem schlechten Stern, weil sie immer vom schlechten Gewissen begleitet wird.

Wie Geborgenheit wieder entstehen kann

Am Anfang steht ein Blick auf die Verletzlichkeit, die hinter dem Wunsch nach Geborgenheit liegt. Nur wenige Menschen haben ein so robustes Seelenleben, dass sie ohne Geborgenheit auskommen. Wer diese Verletzlichkeit bei sich und beim anderen ernst nimmt, kann über den Wunsch sprechen, ohne ihn als Vorwurf zu formulieren.

Hilfreich ist es, zwischen einem kindlichen und einem erwachsenen Zustand zu unterscheiden. Geborgenheit und Verbundenheit liegen eng beieinander. Verbundenheit verstehe ich als die gereifte Form der Geborgenheit, vor allem, weil sie die Fähigkeit einschließt, Geborgenheit auch zu geben.

Aus der Fähigkeit zur Verbundenheit erwächst beides: sich geborgen zu fühlen und Geborgenheit zu geben. Diese Fähigkeit hängt direkt mit der Bereitschaft zusammen, keine Kontrolle über eine Situation ausüben zu wollen. Anders gesagt: sich darauf einzulassen, nicht zu wissen, was als Nächstes geschieht.

Wer nicht kontrolliert, ermöglicht innige Begegnung. Wer sich einlässt, ohne bestimmen zu wollen, erlebt direkte Begegnungen. Sie können alle Gefühle enthalten, angenehme wie unangenehme. In der Bereitschaft, diese Gefühle wahrzunehmen, sie als die eigenen anzuerkennen und für sie Verantwortung zu übernehmen, beginnt Verbundenheit. Wer mit sich selbst verbunden ist, kann auch mit anderen in innigen Kontakt gehen.

Nähe und Freiheit zugleich

Die eigentliche Kunst besteht darin, zwei freie und eigenständige Menschen zu bleiben, die die Freiheit des anderen willkommen heißen. Dann muss sich die Geborgenheit nicht gegen die Erotik durchsetzen. Beides findet Platz: die Sicherheit, beim anderen willkommen zu sein, und die Spannung, die aus seiner Andersartigkeit entsteht.

Worum es hier geht

Die Texte in diesem Bereich handeln von Nähe, Intimität und Sexualität in langen Beziehungen: davon, wie Verbundenheit verloren geht, wie Gespräch und Begehren zusammenhängen und wie zwei Menschen wieder zueinanderfinden. Sie versprechen keine Techniken für mehr Lust. Sie laden Dich ein, Deine eigene Verletzlichkeit und die Deines Gegenübers ernst zu nehmen.

Wer Nähe und Verbundenheit über längere Zeit gemeinsam üben möchte, findet im begleiteten Beziehungskurs einen Rahmen dafür.

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