Macht, Ohnmacht und Freiheit

Von Burgen und Bächen

Kinder erfinden Regeln und versuchen sie gegeneinander durchzusetzen. Empörte Eltern beschweren sich darüber.

Das ist zum Einen scheinheilig, da wir ja selbst unsere Kinder in die Welt unserer Regeln hinein erziehen und zum Anderen verkennt es das Bedürfnis, sich mit den grundlegenden Gefühlen von Macht, Ohnmacht und Freiheit auseinanderzusetzen.

1337 Wörter, Lesezeit ca. 8 Min.

Von Henning Matthaei | 0 Kommentare
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Macht, Ohnmacht und Freiheit

Vor einiger Zeit gab es große Aufregung in der Schule. Auf dem Schulgelände gibt es einen Spielbereich der „Burg und Bach“ genannt wird. Die dritte Klasse spielt dort gern und auf der „Burg“ wurden Regeln erfunden, wer hinauf durfte und wer nicht. Mal war das etwas Gestreiftes an zu haben, mal Turnschuhe und irgendwann auch mal eine Markenklamotte. Einige Kinder haben das berichtet und – zu Recht – als ungerecht empfunden. Die Reaktion auf Seiten der Schule (und später auch der Elternschaft) ist verständlich, politisch korrekt, aber pädagogisch nicht sinnvoll.

Ein Teil des Funktionierens menschlicher Gesellschaft hat mit der Vereinbarung von Regeln sowie deren Einhaltung zu tun. Nicht eingehaltene Regeln müssen in gewisser Weise sanktioniert werden, um einen Anreiz zu geben, sich wieder regelkonform zu verhalten. Im demokratischen Idealfall bestimmt die Gemeinschaft Form und Umfang sowohl der Regeln als auch der Sanktionen.

Gesellschaftliche Regeln dienen dem Zusammenhalt und sind größtenteils willkürlich. Es gibt einige universelle Regeln, die in den verschiedenen Weltreligionen in ähnlicher Weise als Kernethik (Gebote) niedergelegt sind. Alle weiteren Regeln unterliegen dem zeitlichen und räumlichen Wandel. Selbst die Auslegung scheinbar zeitloser Gebote (z. B. „Du sollst Vater und Mutter ehren“) wandelt sich im Laufe der Zeit.

Aus Luthers Zeiten wird berichtet, dass man durch Rülpsen und Furzen anzeigte, dass einem das Essen geschmeckt habe. In China zeigt man dasselbe dadurch, dass man schmatzt. In Mitteleuropa begrüßt man sich per Handschlag, in Japan verbeugt man sich. Wir möchten, dass unsere Kinder lernen, wie man sich bei Tisch benimmt, und wenn wir ihnen nicht beibringen, welche Regeln im Straßenverkehr gelten, setzen wir sie großer Gefahr aus. Die Einhaltung von Regeln ermöglicht es, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Sie definieren ein Innerhalb und ein Außerhalb der Gemeinschaft.

Das Gesetz der Straße

Es gibt eine Diskrepanz zwischen Gesetzestreue und dem „Gesetz der Straße”. In Abwesenheit der übergeordneten Ordnungsmacht, gilt auf der Straße häufig die Macht des Stärkeren.

Ich fahre manchmal mit dem Fahrrad an einer viel befahrenen Straße entlang. Es gibt hier einen sogenannten Bedarfsradweg, d.h. er ist nicht mit blauem Schild als Radweg ausgewiesen und muss daher von mir auch nicht benutzt werden. Ich spare mir das an den Stellen, wo er in katastrophalem Zustand ist oder einfach zugeparkt wird. Wenn ich jedoch auf die Straße ausweiche, wird mir von vielen Autofahrern sehr deutlich gemacht, dass sie meine Gegenwart als Radfahrer ablehnen. Sie fahren zu dicht auf, sie überholen viel zu nah und sie versuchen, mich durch Hupen und Schimpfen von der Straße zu bekommen.

Wir haben einen Machtkampf miteinander um die Deutungshoheit der Regeln auf der Straße. Autofahrer sind stärker als Radfahrer. Ich bin zwar im Recht, aber ich habe keine Macht. Meistens weiche ich auf eine Strecke durchs Grüne aus, wo Autos nicht fahren können.

Kinder wollen lernen, wie Gesellschaft funktioniert

Für Kinder von acht oder neun Jahren ist es vollkommen undurchschaubar, auf welcher Grundlage Regeln entstehen. Aber sie wollen es herausfinden! Sie möchten erfahren, wie es sich anfühlt, Regeln selbst aufzustellen, einzuhalten oder zu brechen. Sie wollen, sofern wir sie lassen, grundlegende Gefühle von Macht (Regeln aufstellen), Ohnmacht (Regeln einhalten „müssen“), Ungehorsam, Freiheit und Verbundenheit erforschen. Letztlich möchten sie herausfinden, wie Gesellschaft funktioniert.

Regeln aufzustellen dient dazu, …

  • …ein Gefühl zu entwickeln wie groß mein Wirkungskreis ist,
  • …wie weit ich andere beeinflussen kann,
  • …und auch welchen Preis es mich kostet, andere zu dominieren.

Nicht jedem Kind gelingt es, solche Macht auszuüben. Und nicht jedes Kind ist daran interessiert, andere zu steuern.

Meine Beobachtung ist, dass Jungs ein erheblich größeres Interesse daran haben, mit Regeln, Regelverstößen und Ahndung von Regelverstößen zu experimentieren. Dieter Schnack und Rainer Neutzling haben dazu schon 1990 ein grundlegendes Buch verfasst: Kleine Helden in Not: Jungen auf der Suche nach Männlichkeit 1 Sie beschreiben beispielsweise die Situation, in der ein Junge gegen die Regeln beim Fußballspiel verstoßen hat und daraufhin von der Gruppe der Jungs vom Spiel ausgeschlossen wird. Er ist darüber so traurig, dass die Mädchen anfangen mit den Jungs darüber zu verhandeln, ob sie nicht eine Ausnahme machen können. Das bedeutet, dass sie das Prinzip der Verbundenheit über das Prinzip der Regeltreue stellen, während es bei den Jungs genau andersherum ist.

Man sagt das so nicht mehr…

Es ist heutzutage nicht mehr schick, solches Verhalten nach männlich und weiblich, Jungs und Mädchen zu unterscheiden. Wenn man jedoch jenseits des sogenannten Gender-Gedankens einfach beobachtet, was die Kinder tun, ist es signifikant, dass Jungs tendenziell ein größeres Interesse an Regeln haben und Mädchen ein größeres Interesse an Zugehörigkeit/Verbundenheit.

Und ja: wir finden beides bei beiden Geschlechtern und zu jeder Beobachtung auch eine Ausnahme.

Herrscher, Untertanen und Freiheitskämpfer

Zurück zur eigentlichen Betrachtung über die Notwendigkeit des Experimentierens mit Regeln. In diesem Rollenspiel gibt es nicht nur die beiden Rollen des „mächtigen Herrschers“ und des „ohnmächtigen Untertanen”. Sich den Regeln der scheinbar Mächtigeren zu unterwerfen, belohnt uns mit der Zugehörigkeit zur Mehrheit. Wer sich dagegen den Regeln nicht beugen will, gewinnt Freiheit um den Preis der Zugehörigkeit. Er darf nicht mehr mitspielen, hat aber die Freiheit sich außerhalb des Bannkreises der „Herrscher” so zu verhalten, wie er will.

Wir sollten unseren Kindern Räume schaffen solche archetypische Mächte zu erforschen (König, Untertan, Freiheitskämpfer) und mit grundlegenden großen Gefühlen zurechtzukommen (Macht, Ohnmacht, Autonomie, Angst, Zorn). Es ist ein Grundbedürfnis und eine entwicklungspsychologische Notwendigkeit für Kinder im Rubikon, sich mit diesen Kräften auseinanderzusetzen. Wenn wir ihnen verbieten, diese Experimente in den Räumen vorzunehmen, die wir noch unter Beobachtung haben (Schulhof), werden sie nicht damit aufhören. Sie werden sie lediglich dorthin verlagern, wo sie nicht mehr so gut zu beobachten und zu begleiten sind.

Demokratie und Mitgefühl sind höhere Entwicklungsstufen

Es macht keinen Sinn, an Drittklässler erwachsene Maßstäbe von Gleichheit anzulegen. Die Aufregung darüber, dass dabei Markenkleidung als Ausschlusskriterium verwendet wird, ist scheinheilig. Kinder sind geniale Beobachter und Nachahmer. Sie sehen doch, mit welchen Autos auf dem Parkplatz gedrängelt wird.

Eine gute pädagogische Begleitung dieser Situation sollte mit den Kindern gemeinsam (insbesondere mit denen, die sich als ohnmächtig wahrnehmen) Möglichkeiten erforschen, wie sie aus der Ohnmacht wieder ins Handeln kommen können. Eventuell muss man ihnen Heldengeschichten vorlesen, in denen Macht, Ohnmacht und Freiheitskampf thematisiert werden. Man könnte mit ihnen darüber sprechen, welche Regeln sie selbst gerne aufstellen würden oder damit beginnen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Regeln etwas Willkürliches sind und damit den Freiheitsgedanken stärken.

Das Wichtigste ist jedoch, dass jeder mit seinem eigenen Erleben gehört wird. Die Verzweiflung des Einen ist der Genuss des Anderen. Vielleicht hören wir dann auch etwas darüber, wie getrieben sich ein Anführer fühlt und wie einsam einer ist, der einen großen Bogen um die Spiele von Macht und Ohnmacht zieht.

Die Fähigkeit, alle Menschen als gleichwertig zu beurteilen und entsprechend zu handeln, ist selbst für viele Erwachsene schwer erreichbar. Kinder haben dagegen schlicht noch gar nicht die emotionalen Möglichkeiten so zu agieren. Dies ist der Anfang vom langen Weg zur Demokratie, denn man könnte ebenfalls thematisieren, dass Regeln in einem gemeinsam gestalteten Prozess festgelegt werden könnten. Allerdings denke ich, dass das eher ab der sechsten Klasse Sinn macht.

Jungs müssen mit dem Feuer spielen dürfen

Wenn wir den Jungs verbieten, mit Regeln zu experimentieren, weil Regeln „nicht gut“ sind, ist das eine eher weibliche Argumentation, die die Verbundenheit über die Regeln stellt, aber blind dafür ist, dass sie selbst eine Regel aufstellt.

Und die zweitens die Notwendigkeit für Jungs verkennt, sich raufend einen Platz in ihrer Gemeinschaft zu erstreiten. An einem Platz in einer Hierarchie zu stehen ist nur eine andere Form der Verbundenheit. Wenn ich weiß, wer über mir und wer unter mir steht, dann weiß ich, dass ich dazu gehöre. Diese Ordnung ist nicht besser oder schlechter, sondern anders als die Gemeinschaft der Gleichen. Es ist gut, beide Ordnungen zu kennen und zu wissen, wie man darin agiert.

Wir verschieben sonst eine gesunde Entwicklung in heimliche Bereiche und wundern uns später, wenn sich das Mobbing unter Schülern großer Beliebtheit erfreut. So wie wir im Außen immer weniger echte „Spielräume“ zur Verfügung stellen, weil jede noch so kleine Wiese zugebaut wird, nehmen wir dem Bedürfnis von Jungen ihre eigenen Fähigkeiten zu entwickeln die Kraft, wenn wir das Bedürfnis selbst als falsch bezeichnen und es verbieten.


  1. @SchnackNeutzling2011

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