Viele Paare, die zu mir kommen, haben schon ein Kommunikationstraining hinter sich. Sie kennen Ich-Botschaften und aktives Zuhören, und trotzdem landen sie im selben Streit. Das hat mich lange beschäftigt. Inzwischen verorte ich gelingende Kommunikation in einem Entwicklungsweg mit sechs Stufen, der zu einer dauerhaften und bereichernden Partnerschaft führt. Kommunikation ist darin erst die dritte Stufe. Ein Training muss scheitern, wenn die Arbeit an den ersten beiden Stufen nicht getan ist.
Bevor ich die Stufen beschreibe, eine Klarstellung: Es geht nicht um Perfektion auf jeder Ebene. Es geht um eine gewisse Grundausstattung. Wenn ein Kind laufen lernt, muss es später kein Marathonläufer werden. Lernt es aber überhaupt nicht laufen, wird es erhebliche Schwierigkeiten im Leben haben. Genauso braucht jede Stufe ein tragfähiges Fundament, damit die nächste darauf stehen kann.
1. Emotionale Autonomie
Die Grundlagen emotionaler Autonomie werden in den ersten drei Lebensjahren gelegt. Das Baby wird zum Kleinkind und löst sich Schritt für Schritt aus der symbiotischen Beziehung zur Mutter. Diese Entwicklung ist weitgehend abgeschlossen, wenn das Kind „Ich“ und „Du“ klar unterscheiden und mit „Ja“ und „Nein“ zustimmen oder verweigern kann. Was viele Eltern bis heute als Trotzphase abtun, ist in Wahrheit die Hochphase dieser Entwicklung.
Gestört wird sie vor allem auf zwei Wegen: durch Übergriffigkeit oder durch Kontaktentzug. Übergriffigkeit heißt, dass ein Kind über die Maßen gesteuert, manipuliert oder gedemütigt wird. Das kommt einer Invasion in sein Seelenleben gleich und macht es ihm schwer, seine Unabhängigkeit zu entwickeln. Als Erwachsene zeigen solche Menschen oft Dauerdiskussionen, Unehrlichkeit und das Vermeiden von Auseinandersetzungen, manchmal auch heftigen Zorn und Verweigerung. Kontaktentzug heißt, dass einem Kind Liebe und Zuwendung entzogen werden. Das gleicht einem Verlassenwerden und nimmt ihm Vertrauen, Sicherheit und Halt. Später zeigt sich das oft in großer Bedürftigkeit, in symbiotischem Verhalten und in Unsicherheit bei Konflikten.
Wer als Kind nur eine brüchige Autonomie entwickeln konnte, fällt später leicht in die Angst vor dem Verlassenwerden oder in den Kampf gegen Bevormundung zurück. In emotional fordernden Momenten reagieren Erwachsene dann von einem Augenblick auf den anderen wie Dreijährige. Spätestens mit 30 oder 40 stellt sich aber die Frage, wer dafür zuständig ist: die Eltern, der Partner oder doch man selbst.
2. Geschlechtliche Identität
Ab dem dritten Lebensjahr wächst die Aufmerksamkeit für die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Kinder stellen fest, dass es verschiedene Geschlechter gibt und dass sie selbst einem davon angehören. Es entsteht eine Wahrnehmung von „Das bin ich“ und „Das bin ich nicht“. Daraus erwächst eine Spannung, die Neugier und Interesse weckt.
Damit wir diese Spannung aushalten, braucht es vorher ein stabiles Ich. Nur wer es erträgt, dass ein anderer Mensch ganz anders ist, kann ihm erlauben, anders zu sein. Sonst neigen wir dazu, seine Andersartigkeit zu bekämpfen, weil sie unsere eigene Identität in Frage zu stellen scheint.
Mit der Pubertät folgt ein weiterer wichtiger Schritt. In dieser Zeit sind wir besonders empfindlich für Beschämung. Gleichzeitig ist das Bedürfnis groß, von Älteren anerkannt zu werden, die diesen Weg schon gegangen sind. Weil es kaum noch Formen gibt, die diesen Übergang begleiten, bleibt die eigene Identität oft lückenhaft. Das trifft nach meiner Erfahrung besonders viele junge Männer. An die Stelle einer tief gefühlten Identität treten dann Ersatzbilder aus den Medien. Wenn der Macho die Prinzessin heiratet, ist die Krise vorprogrammiert.
Bleibt die Polarität zwischen zwei Menschen ganz aus, werden sie bestenfalls gute Freunde. Ohne Anziehung zwischen den Polen gibt es keine kreative Spannung, und das Potenzial der Beziehung bleibt ungenutzt. Man langweilt sich miteinander, weil der andere nicht anders genug ist. Wenn beide ihre eigene Art mit Stolz und Würde leben, wird der Austausch belebend.
3. Polare Kommunikation
Auf dieser Stufe stehen uns idealerweise ein gefestigtes Selbstwertgefühl und eine klare Identität zur Verfügung. Wir haben einen inneren Standort und gleichzeitig den Wunsch, das Andere kennenzulernen und uns davon bereichern zu lassen. Ist das Fundament nicht tragfähig, wird jede Meinungsverschiedenheit bedrohlich. Dann fühlen wir uns durch einen anderen Standpunkt in unserer Identität oder sogar in unserer Existenz in Frage gestellt.
Hier liegt der Grund, warum Paarkommunikation so häufig misslingt. Wer ein schwaches Selbstwertgefühl hat, erträgt den Partner nicht in seiner Stärke und reagiert trotzig oder beleidigt, sobald der andere sich unabhängig zeigt. Wer der eigenen Identität nicht recht zustimmen kann, neigt dazu, gerade die Eigenschaften des anderen abzuwerten, die eng mit dessen Identität verbunden sind.
Wir können außerdem nie davon ausgehen, dass der andere uns „von Natur aus“ versteht. Eher trifft das Gegenteil zu: Von Natur aus ist der andere erst einmal anders. Damit die Beziehung eine tragfähige Grundlage bekommt, braucht es einen ausgiebigen Austausch von Selbstporträts. Das ist notwendig, und es kann auch richtig Freude machen.
4. Kreativität
Nicht wenige Paare beginnen mehr oder weniger unvorbereitet auf dieser Stufe. Kurz nachdem sie sich kennengelernt haben, ist ein Kind unterwegs, und einer der kreativsten Prozesse, die zwischen zwei Polen entstehen können, ist in Gang gesetzt. Sind die ersten drei Stufen nicht ausgebaut, fällt es dem Paar schwer, der Kern einer stabilen Familie zu sein. Es gelingt ihm dann nicht, die neuen Aufgaben anzunehmen und sich so umzubauen, dass es sich dabei als Paar nicht aus den Augen verliert.
Bei kaum einem Paar mit kleinen Kindern bleibt die Sexualität unerschüttert. Manchmal liegt sie über Jahre brach, weil keiner von beiden den Weg zurück kennt. Vielen Paaren fehlt eine Sprache, in der sie dieses Dilemma ohne gegenseitige Verletzung besprechen und eine echte Lösung finden können. Das ist ein Hinweis darauf, dass das Fundament wackelt. Die vierte Stufe bringt Ergebnisse hervor, aber der Keller steht unter Wasser.
Kinder sind dabei nur der offensichtlichste Ausdruck dieser Kreativität. Je klarer wir den Weg von der Autonomie über die Kreativität bis zur Einheit verstehen, desto deutlicher wird, dass sie geistige und materielle Hervorbringungen aller Art umfasst. Und der kreative Prozess kann auch entgleisen, wenn die Pole nicht in Balance sind. Dann bringt eine von ihrer Ideenkraft berauschte solare Energie Technologien hervor, deren Folgen sie nicht absehen kann. Oder Gesprächsprozesse, in denen jeder gehört und verstanden werden soll, kreisen endlos, weil die Struktur fehlt, die eine Entscheidung herbeiführen könnte.
5. Kontinuität
Wenn beide Pole auf einem stabilen Selbstwertgefühl ruhen, können sie sich in einem kreativen Prozess immer wieder erneuern. Was dabei entsteht, will geschützt, genährt und gepflegt werden. Die Parallele zu den Kindern, die wir aufziehen, liegt auf der Hand. Es lohnt sich aber, weiter zu schauen.
Wie weit reicht unser Blick auf die Folgen unseres täglichen Tuns? Ist uns bewusst, dass das, was wir hervorbringen, im Guten wie im Schlechten über unsere Person und unsere Lebenszeit hinaus wirkt? Wie können wir für das sorgen, was wir an wertvollen Impulsen in die Welt gesetzt haben, damit es gedeihen kann? Und hat das, was ich habe entstehen lassen, genügend Rückhalt von mir bekommen, um selbst wieder etwas Neues hervorzubringen?
6. Die Einheit der Zwei
Fassen wir den Weg zusammen.
- Emotionale Autonomie gibt uns eine stabile Grundlage.
- Eine klare Identität gibt uns ein starkes Ich.
- Polare Kommunikation erlaubt uns, mit dem Anderen, mit allem, was anders ist, in Austausch zu treten.
- Aus diesem Austausch entsteht etwas Neues, in dem Ich und Nicht-Ich gleichermaßen enthalten sind.
- Wir begleiten dieses Neue, bis es ein eigenständiges Leben in der Welt führen kann.
Was ist das anderes als Einheit? Ein Gefühl von Nicht-Getrenntsein, in dem das eigene, getrennte Ich über sich hinauswächst. Ich und Du sind dann keine Gegensätze mehr. Was ich Dir zufüge, tue ich auch mir, im Guten wie im Schlechten. Wir kommen aus der Einheit mit der Mutter, lösen uns, werden stark und eigenständig, verbinden uns mit dem Anderen und finden schließlich mit gewachsener Bewusstheit zu einer selbst geschaffenen Einheit.
Das ist das Potenzial, das in einer Ehe liegt. Wie weit wir es ausschöpfen, hängt letztlich von uns selbst ab.
Auf jeder Stufe gibt es Arbeit
Jeder Vorwurf an den anderen ist ein Hinweis auf die eigene Stufe. Wenn Dir Dein Partner oder Deine Partnerin Schwierigkeiten zu bereiten scheint, kannst Du Dich fragen, auf welcher Stufe Du selbst gerade festhängst. Dort, wo der andere Dich herausfordert, ist Deine eigene Entwicklung noch nicht abgeschlossen. So werden die Schwierigkeiten in der Beziehung zu genauen Wegweisern für Dein eigenes Wachstum.
Und vielleicht beantwortest Du irgendwann lieber die Frage „Was kann ich für Dich tun?“ als die Frage „Was kannst Du für mich tun?“. Du weißt dann, dass es keinen Unterschied macht, außer dass die erste Frage Dich weitet und die zweite Dich verengt.
Wer diesen Weg über längere Zeit gemeinsam gehen möchte, findet im begleiteten Beziehungskurs einen Rahmen dafür.