Henning Matthaei

Vertrauen in Paarbeziehungen

Kennen Sie die wichtigste vertrauensfördernde Maßnahme?

Welche Freiheit würden Sie gewinnen, wenn Sie es Ihrem Gehirn gar nicht erst erlauben, Ihren Körper mit Hormonen zu überschwemmen, die unangenehme Gefühle mit sich bringen? Was würde sich in Ihren Beziehungen zu anderen Menschen verändern, wenn Gefühle wie Wut, Angst, Ohnmacht oder Gegenangriff in Ihnen gar nicht entstehen könnten?
748 Wörter, Lesezeit ca. 5 Minuten

Unterbrechungen zerstören das Vertrauen. Sich gegenseitig ins Wort zu fallen, an etwas anderes zu denken oder mitten im Satz plötzlich etwas ganz anderes zu beginnen sind weit verbreitete Verhaltensweisen, die das Vertrauen zwischen Partnern aushöhlen können. Unsere mehr oder weniger instabilen Persönlichkeiten brauchen sichere Kommunikationsstrukturen, um sich einlassen zu können.

Das wichtigste Mittel, um eine stabile Basis für die Paarkommunikation herzustellen, ist die Entwicklung der eigenen Fähigkeit, dem Partner vollständig, aufmerksam und zugewandt zuhören zu können. Diese Fähigkeit ist leider viel zu wenig bekannt und wird noch weniger angewandt, geschweige denn geübt.

In nahezu jeder Paarbeziehung existiert das Buhlen um die Aufmerksamkeit des anderen. Vor allem in schon länger existierenden Paarbeziehungen schwindet die Bereitschaft dem anderen vollständig zuzuhören in dem Maße, in dem das eigene Bedürfnis nach Aufmerksamkeit nicht genügend Raum bekommen hat. Wir sind erst wieder bereit, dem anderen zuzuhören, wenn uns selbst genügend Aufmerksamkeit geschenkt worden ist.

Eine absurde Situation: Zwei Bedürftige stehen voreinander und sagen sich gegenseitig: “Ich gebe dir erst etwas, wenn du mir etwas gegeben hast.”

Damit ist das Ende der Paarbeziehung fast schon besiegelt.

Dabei haben wir den Rückzug zumeist selbst mit inszeniert. Eine kleine Unfreundlichkeit oder Unaufmerksamkeit des Partners führt zu einem kleinen inneren Rückzug, einem kleinen Beleidigtsein. Zu passender Gelegenheit gibt es eine Retourkutsche und wir beflügeln gegenseitig die innere Emigration. Damit nehmen wir auf zweierlei Weise der Beziehung die Luft zum Atmen: Wir geraten selbst unter Anspannung und warten nur auf den nächsten Angriff und sind gleichzeitig nicht mehr bereit, dem anderen unser Herz und unsere Aufmerksamkeit frei zur Verfügung zu stellen.

Die Eskalation der Gefühle

Dieser Reiz-Reaktions-Mechanismus läuft normalerweise so schnell ab, dass er sich unserer bewussten Kontrolle entzieht. Er vollzieht sich in fünf Schritten:

  1. Unsere Sinne nehmen etwas wahr (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen).
  2. Es gibt eine erste rudimentäre Bewertung ob dies ein guter oder schlechter Reiz ist (Angriff oder Flucht).
  3. Aus der ersten Bewertung entsteht ein Gedanke der von gut/schlecht ausgehend weiter differenziert und dem Reiz und der Situation einen Namen gibt und ihn in ein Konzept einordnet.
  4. Dann wird der Körper durch ein entsprechendes Gefühl informiert, d.h. der entsprechende Botenstoff wird im Gehirn ausgeschüttet.
  5. Ohne die Schritte 1-4 differenziert wahrzunehmen, reagieren wir nun auf das durch die Hormone in unserem Blut ausgelöste Gefühl. So kommt es, dass wir sagen können: “Du machst mich wütend.” Dabei ignorieren wir vollständig den in uns selbst ablaufenden Vorgang, der zu diesem Gefühl geführt hat.

Können Sie sich vorstellen, wie es Ihre Beziehung verändern würde, wenn Sie diesen Reiz-Reaktions-Automatismus bereits in der Stufe 2 stoppen könnten?  Welche Freiheit würden Sie gewinnen, wenn Sie es Ihrem Gehirn gar nicht erst erlauben, Ihren Körper mit Hormonen zu überschwemmen, die unangenehme Gefühle mit sich bringen? Was würde sich in Ihren Beziehungen zu anderen Menschen verändern, wenn Gefühle wie Wut, Angst, Ohnmacht oder Gegenangriff in Ihnen gar nicht entstehen könnten?

Unvorstellbar!? In der Tat vergessen wir es immer wieder, dass Freiheit innen beginnt.

Wie bereits oben dargestellt führen die Reiz-Reaktions-Automatismen zum schrittweisen Auseinanderrücken der Partner. Folgerichtig könnten Sie wieder aufeinander zugehen, wenn Sie Ihre automatischen Reaktionen allmählich kennen lernen und schließlich rechtzeitig bremsen können. Dabei ist zu betonen, dass es nicht darum geht, Gefühllosigkeit zu trainieren. Aber Sie würden Kontrolle gewinnen über den Moment, in dem sie die Entscheidung treffen ein bestimmtes Gefühl zu aktivieren.

Wie bremsen Sie Ihre automatischen Reaktionen auf Ihre/n Partner/in?

Zunächst machen Sie sich im Nachhinein klar, dass das Gefühl, in dem Sie gerade gelandet sind, in Ihnen entstanden ist. Als nächstes begeben Sie sich auf die Suche, welcher Gedanke genau es gewesen ist, aufgrund dessen Sie entschieden haben dieses Gefühl hervorzubringen. Je öfter Sie diese Selbsterforschung üben, desto näher kommen Sie an den entscheidenden Punkt.

Früher oder später können Sie sich selbst beobachten, wie Sie in einer bestimmten Situation die Wahl haben, ob Sie jetzt die Wut (die Angst, die Trauer) berühren wollen und ihr damit die Erlaubnis geben, Ihren Körper zu fluten. Diese Enthaltsamkeit ist die eigentliche Bedeutung des Verbotes bewusstseinstrübender Substanzen in den meisten großen Religionen. Nicht der Wein trübt unser Bewusstsein, sondern unsere Unaufmerksamkeit gegenüber unseren eigenen inneren Vorgängen.

Aus meiner Sicht sind diese automatischen Reiz-Reaktionsmuster das grundlegende Gift für alle menschlichen Beziehungen. Aus Unwissenheit und Bequemlichkeit machen wir uns nicht die Mühe, die Auseinandersetzung an der Quelle zu beenden. Ein Streit ist in dem Moment beendet, in dem eine der beiden Parteien aufhört zu streiten und sich nicht mehr verwickeln lässt. Wenn wir aufhören automatisch zu reagieren, wächst das Vertrauen anderer zu uns.

Welche Erfahrungen haben Sie damit einen Streit zu beenden?
Was hat funktioniert, was nicht?

Fotos von schmollmolch und birgerking

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