Nüchternheit

Enthaltsamkeit statt Dauerentrüstung

Wir sind der andauernden Entrüstung verfallen. Google und Facebook mischen kräftig mit, indem sie unser Verlangen nach einem nicht endenden Strom an entrüstungswürdigen Nachrichten stillen.

Enthaltsamkeit des Geistes führt dazu, wieder eigene Urteilskraft zu entwickeln.

646 Wörter, Lesezeit ca. 3,5 Min.

Von Henning Matthaei | 0 Kommentare
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Von der Lust an der Entrüstung zur Nüchternheit des Augenblicks

Enthaltsamkeit im Geist ist eine verlorene Tugend.

Vor einiger Zeit bekam ich eine kritische Rückmeldung zu meinen Artikeln, über die ich eine Weile nachdenken musste. Der Vorwurf lautete:

Angesichts der sich rasant ändernden Zustände in unserem Land gerät die Kolumne Gelassenheit im Alltag immer mehr zu einem abgehobenen, zunehmend dünkelbehafteten Ort der Abkehr von der Wirklichkeit.

Dazu kam der Vorschlag ich solle mir ein YouTube Video mit Gewalttaten anschauen oder zu Gewalttaten in Hamburg einmal googeln. Dies sei die „tatsächliche Welt”, mit der ich mich auseinandersetzen solle.

Die tatsächliche Welt

Was ist die tatsächliche Welt? Wahrheit scheint heutzutage eine Mehrheitskonstruktion zu sein. Wenn ein Agitator etwas oft genug behauptet, werden es seine Jünger beginnen zu wiederholen. Irgendwann manifestiert sich aus der Meinung die „Wahrheit”.

Es gehört wohl zur Absurdität unserer Existenz, dass enorme Widersprüche ausgehalten werden müssen. Die ganze Welt ist im Aufruhr, sowohl politisch als auch sozial. Ganz zu schweigen von den enormen Folgen, die menschliches Handeln für Klima, Tier- und Pflanzenwelt hat.

Gleichzeitig (!) ziehen wir Kinder groß, widmen uns der Liebe in der einen oder anderen Weise. Wir erfreuen uns an Musik, Kunst, Sport oder der Schönheit der Natur.

Das eine wie das andere hat Auswirkungen darauf, wie wir uns fühlen. Möglicherweise wirkt es sogar auch darauf ein, wie gesund wir sind. Zumindest unsere geistige Gesundheit ist davon abhängig, mit was wir unseren Geist füttern.

Die Lust am Erschrecken

Das Tempo, in der Aufgeregtheiten um den Globus getrieben werden können, ist atemberaubend. Die Geschwindigkeit mit der ein Ruf zerstört, Unwahrheiten verbreitet und Unruhe gestiftet werden können, finde ich erschreckender, als das, was in den Schreckensnachrichten selbst ausgebreitet wird.

Die Lust sich an Sensationen der Gewalt zu berauschen, ist eine starke Droge. Facebook, Google und Co. sind unsere Drogendealer. Sie machen keinerlei Unterschied, ob eine Nachricht wahr ist oder nicht. Sie bewerten sie nach Popularität. Gewalt ist populär. Warum sollte ich mich daran beteiligen sie noch populärer zu machen?

Gewalt ist eine populäre Droge. Facebook und YouTube sind die Dealer.

Die Hemmschwelle sich über andere zu entrüsten, ist durch die Nutzung sozialer Medien gesunken. Das verdirbt den Charakter und die Umgangsformen im realen Leben.

Die Lust an der Entrüstung

Beobachten wir doch einmal wie schnell unsere Urteile sind, sobald wir nur Bruchstücke einer Information erhalten. Wenn jemand durch ein Auto umgekommen ist, denken wir möglicherweise im selben Atemzug schon an einen islamistischen Anschlag.

Diese Verknüpfung wäre unzulässig. Sie verkennt die Fakten. Im Straßenverkehr kommen jährlich Tausende ums Leben. Wir zetern lieber über Terrortote, weil wir neben der heimlichen Lust an Zerstörung und der Unheimlichkeit des Todes auch gerne noch einen Schuldigen ausfindig machen.

Wir benötigen eine Enthaltsamkeit gegenüber unserer eigenen Sensationsgeilheit.

Und insgeheim warten wir schon auf den nächsten Aufreger. Die Bildzeitung verdient ihr Geld damit genauso wie Facebook und Twitter. Oh wie schön, wenn ich mich über andere entrüsten kann – da fühle ich mich so im Recht.

Wir genießen es in Rechthaberpose mit dem Finger auf verwirrte Gewalttäter zu zeigen. Und in der Selbstgerechtigkeit versäumen wir zu erkennen, dass die Rechthaberei der Anfang jeden Streites ist. „Auf Gerechtigkeit folgt Krieg”, heißt es in einem Satz aus dem Tao Te King.

Enthaltsamkeit statt Aufregungskultur

Wir benötigen eine Enthaltsamkeit gegenüber unserer eigenen Sensationsgeilheit. Wir müssten nüchterner werden in der Rezeption, in der Bewertung und in der Reaktion darauf, was geschieht.

Die anonymen Alkoholiker beten: „Gib mir die Kraft zu ändern, was ich ändern kann. Gib mir die Gelassenheit, die Dinge zu lassen, die ich nicht ändern kann. Und gib mir die Weisheit diese beiden voneinander zu unterscheiden.” Sie sagen nicht: „Gib mir eine laute Stimme, damit ich mich besser aufregen kann.”

„Du kannst in der Welt die Disteln ausreißen oder dir ein Paar gute Schuhe machen”, ist ein weiterer Satz, der auf denselben Umstand wie das Gebet der AA weist: Die Dinge, die wir ändern können, liegen in uns selbst.

Die Selbstbeherrschung nicht jedem Aufreger-Impuls nachzuspringen, ist ein ähnlicher Reifegradmesser, wie die bereits beschriebene Frustrationstoleranz.

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