Identität

Wer bin ich. Alles ist Wort. Alles ist Sprache.

Unser Ich beginnt seine Existenz da, wo wir die Eindrücke der Welt zu benennen beginnen. Aus Eindrücken werden Standpunkte.

Aber wer bin ich – jenseits meiner Standpunkte?

570 Wörter, Lesezeit ca. 3 Minuten

Von Henning Matthaei | 0 Kommentare
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Wer bin ich jenseits meiner Standpunkte?

Unser Ich beginnt seine Existenz da, wo wir die Eindrücke der Welt zu benennen beginnen.

Die Wahrnehmung der Welt beginnt mit den Sinnen. Wir hören, sehen, riechen, schmecken, fühlen etwas.

Dann erfolgt unmittelbar eine Zuordnung. Im Prinzip hat diese Zuordnung nur zwei Bereiche: Sie unterscheidet angenehm und unangenehm. Angenehm und unangenehm wird später viel feiner differenziert. Das ist dann aber eine mentale Leistung, die eher der Rechtfertigung der ursprünglichen spontanen Reaktion dient.

Nach der fast automatischen Zuordnung erfolgt genauso schnell eine Benennung dessen, was wahrgenommen wurde: „Dies ist ein/e…”. Wir sehen etwas und „wissen“ im gleichen Augenblick, was es ist.

Kinder in der vorsprachlichen Phase nehmen die Welt noch unmittelbarer wahr. Es gibt für sie keine sprachliche Abstraktionsschicht zwischen Wahrgenommenem und Erlebtem. Es gibt auch keine Langeweile, weil in jedem Moment die Welt eine andere ist. Was wäre, wenn wir nur für einen Moment verzögern könnten, etwas Wahrgenommenes nicht sofort als etwas „Bestimmtes” zu identifizieren, das wir schon wissen und kennen?

Unsere Gewohnheit die Dinge einzuordnen und ihnen einen Namen zu geben führt schließlich dazu, dass wir einen Standpunkt einnehmen: „Ich mag dieses.” „Ich mag das nicht.”

Auf diese Weise erschafft sich jeder Mensch zu jeder Zeit seine eigene Welt. Sie besteht aus seiner individuellen Matrix von Zuordnungen, Benennungen und Standpunkten. Geraten wir mit irgendeinem dieser Bereiche in Widerspruch zu einem anderen Individuum, dann gibt es zunächst gegenseitiges Unverständnis oder Missverständnisse. Nun haben wir die Wahl zwischen zwei grundlegend unterschiedlichen Wegen.

Wer bin ich? Rechthaben führt zum Konflikt

Die erste Möglichkeit ist die konflikthafte Auseinandersetzung. Sie arbeitet sich daran ab, dem Anderen die Überlegenheit des eigenen Standpunkts klarzumachen. Das geht oft schief, wenn schon auf der Ebene der Zuordnungen und Benennungen Unterschiede bestehen.

Wenn ich einen Gegenstand anders nenne als mein Gegenüber, dann sprechen wir verschiedene Sprachen. Die Verständigung wird schwierig bleiben, solange wir uns nicht auf eine gemeinsame Sprache geeinigt haben.

Haben wir Übereinstimmung in den Begrifflichkeiten, sind aber bei der Zuordnung von angenehm und unangenehm zu verschiedenen Ergebnissen gekommen, kann es passieren, dass wir unsere Kinder zwingen etwas zu essen, dass sie nicht mögen, oder den Nachbarn mit köstlichen Grillgerüchen beglücken, die diesen seltsamerweise mit Hass erfüllen.

Missglückt das gegenseitige Verstehen häufig, dann wird das aus Zuordnungen, Benennungen und Standpunkten konstruierte Selbstbild immer starrer. Es mauert sich ein, hat immer recht (in seinen eigenen Augen) und wird immer einsamer.

Wer bin ich? Verstehen führt zu Verbundenheit

Der zweite Weg ist die Bemühung, dem Anderen unsere persönlichen Zuordnungen, Benennungen und Standpunkte zu erläutern. Dazu braucht es die Bereitschaft, sie als Konstruktion anzuerkennen und ihre Allgemeingültigkeit infrage zu stellen.

Gelingt die gegenseitige Erläuterung der Standpunkte, wird unser Horizont weiter und wir fühlen uns verbundener. Sind uns die Standpunkte anderer genauso präsent wie die eigenen, wird es leichter sein, einen gemeinsamen Weg zu beschreiten. Im Weg steht dann oftmals nur noch der Stolz, der uns am eigenen Standpunkt festhalten lässt, als würde das Loslassen eines Standpunktes in irgendeiner Weise unser Menschsein in Gefahr bringen. Das Gegenteil ist der Fall.

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