Nicht lügen

Kann man eine Affäre haben ohne zu lügen?

Kann man eine Affäre haben ohne zu lügen?

Wer lügt beraubt sich seiner Kraft und ist permanent damit beschäftigt, seine Wahrheitskonstruktion zu verteidigen. Das kostet die eigene Freiheit.

595 Wörter, Lesezeit ca. 3 Min.

Von Henning Matthaei | 0 Kommentare
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Affäre ohne Lügen

Primatenforscher sagen, dass das Lügen ein Zeichen von Intelligenz sei. Als Beweis dazu dient, dass ein Affe den Mitgliedern seiner Horde den falschen Weg zu einem leckeren Essen zeigt. Dann sieht man, wie alle Affen in die falsche Richtung stürmen und der Lügner sich heimlich an den richtigen Ort begibt.

Vor einiger Zeit fragte mich eine Frau um Rat, die zwischen zwei Männern stand. Mit dem einen war sie seit Jahrzehnten verheiratet, mit dem anderen verband sie ein Urlaubsflirt, aus dem eine Affäre hätte werden können.

Nun kann man das Für und Wider bezüglich der beiden möglichen Partner abwägen. Für die Ehe spricht die lange Zeit der Verbundenheit und die Vertrautheit; für die Affäre spricht die Abwechslung, die Frische des Neuen.

Primatenintelligenz versucht jetzt dafür zu sorgen, dass sowohl die Sicherheit der langjährigen Ehe als auch der emotionale und sexuelle Genuss der Affäre zur Verfügung stehen. Dafür muss gelogen werden.

Mein Vorschlag war kurz:

„Versuchen Sie, nicht zu lügen.“

Was ist eine Lüge?

Eine Lüge ist das bewusste Zurückhalten oder Verstecken der Wahrheit, so wie sie mir in diesem Moment bekannt ist. Eine Aussage über etwas, über das ich nichts weiss, ist keine Lüge. Es ist lediglich geraten. Die Behauptung allerdings, ich wüsste über dieses Thema Bescheid, ist eine Lüge.

Wir sind so daran gewöhnt, zu lügen und belogen zu werden.

„Wie geht es dir?“

„Gut!“

Die Wahrheit? Gelogen?

„Wie hoch sind die Baukosten?” Der Planer gibt eine Antwort, der Politiker reduziert die Zahl und verkündet sie in der Öffentlichkeit. Alle wissen, dass am Ende das Doppelte oder Dreifache dabei herauskommt. Ob Flughäfen, Bahnhöfe oder Konzerthallen.

Ein Freund fragte mich einmal nach einem Feedback zu einer seltsamen Inszenierung. Ganz ehrlich sollte ich antworten. Das habe ich getan, und ihm vorsichtig und freundlich mitgeteilt, dass ich sie etwas narzisstisch fand. Das war das letzte Gespräch, dass wir miteinander geführt haben, danach ging er weiterem Kontakt aus dem Weg.

Vielleicht hätte ich es mit Voltaire halten sollen?

„Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen.”

Ich habe mich aber für Thomas Mann entschieden:

„Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge.”

Wer lügt, beraubt sich seiner Kraft

Hätte ich lügen sollen? Es hat mich den Kontakt zu einem Freund gekostet, dass ich ehrlich war. Hätte ich gelogen, hätte ich möglicherweise einen „Freund“ behalten. Wir hätten uns weiter getroffen, miteinander gesprochen und ich hätte immer die Beziehungsarbeit für beide leisten müssen: abschätzen und zensieren, was ich ihm sagen darf und was nicht.

Wir berauben uns unserer eigenen Kraft, indem wir lügen. Aus Angst davor, alleine dazustehen, konstruieren wir eine Geschichte, die wir andere glauben machen wollen. Erzählen wir sie oft genug, dann glauben wir sie auch selbst.

Möglicherweise gewinnen wir Mitstreiter in unserer fake story. Möglicherweise stehen wir in der Öffentlichkeit als Sieger da. Doch innerlich wächst in gleichem Maße die Furcht: „Hoffentlich merkt es keiner.“ Und je größer diese Furcht, desto größer das Bedürfnis danach, andere und die Geschichte zu kontrollieren. Nach und nach werde ich so zum Opfer meiner eigenen erfundenen Wahrheit.

Ab und zu begegnet mir in der Paartherapie die Situation, dass einer der beiden Partner fremdgegangen ist. Das alleine ist schon eine schwierige Angelegenheit. In vielen Fällen wird es jedoch dadurch hoffnungslos, dass manchmal über Jahre hinweg die Wahrheit verborgen wurde.

Affären werden abgestritten oder verschwiegen. Wäre es möglich gewesen, die Affäre bzw. den Ursprung deren Notwendigkeit zu besprechen, hätte es vielleicht gar keine Affäre gegeben, sondern eine Belebung der eigentlichen Beziehung. Oder eben — wie im Beispiel mit dem Freund — eine Trennung, wenn Ehrlichkeit nicht vertragen wird.

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