Entschleunigung

Langsam kommt an

Entschleunigung auf der Überholspur In Norddeutschland muss man das Wetter nehmen wie es kommt. Jetzt nur Nieselregen und in 10 Minuten ein kräftiger Guss. Manchmal kommt es allerdings auch ganz anders, so wie neulich, als nicht nur gutes Wetter angesagt war, sondern tatsächlich auch den ganzen Tag die Sonne schien. Er sollte besondere Entschleunigungs-Erfahrungen für uns bereit halten. Zuerst packten wir einen Rucksack mit Tagesverpflegung und fuhren an die Ostsee.

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Entschleunigung auf der Überholspur

In Norddeutschland muss man das Wetter nehmen wie es kommt. Jetzt nur Nieselregen und in 10 Minuten ein kräftiger Guss. Manchmal kommt es allerdings auch ganz anders, so wie neulich, als nicht nur gutes Wetter angesagt war, sondern tatsächlich auch den ganzen Tag die Sonne schien. Er sollte besondere Entschleunigungs-Erfahrungen für uns bereit halten.

Zuerst packten wir einen Rucksack mit Tagesverpflegung und fuhren an die Ostsee. Die östliche Seite der Lübecker Bucht ist einige Kilometer lang ein Naturschutzgebiet, eine der glücklicheren Spätfolgen der DDR. Ein schmaler Sandstrand und eine lehmige Steilküste formen gemeinsam eine Wildnis am Meer.

Sanddorn OstseeDer Sanddorn voller Früchte, die Sicht klar und weit. Kühler kräftiger Wind aus Nordwest und eine wärmende Sonne, die man im Schutz der Dünen für ein gemütliches Nickerchen nutzen konnte. Möwen, Kormorane und Schwäne schien das Wetter genauso zu genießen, schaukelten auf den Wellen.

Nach mehrstündiger Wanderung waren wir ordentlich durchgelüftet. Verschwitzt und glücklich über den schönen Tag in traumhafter Landschaft ging es über die Trave zurück nach Hamburg. Doch die eigentliche Herausforderung des Tages lag vor uns:

Entschleunigung durch Stau

Wir kämpften uns durch Baustellen und den dichten Verkehr auf der A1, gejagt von ungeduldigen Porsche-, Maserati-, und Audifahrern. Sie hatten es unglaublich eilig, den nächsten Stau zu erreichen. Bei gleichmäßigem Tempo 135 standen wir nachher auf der rechten Spur neben denselben Rasern, die offensichtlich ihren eigenen Stress nicht aushalten und ihn deshalb unter möglichst vielen Menschen verteilen müssen.

(Ein Grundprinzip unbewusster Kommunikation: Die Gefühle, die ich in mir selbst nicht richtig wahrnehme, weil sie eine Veränderung meines Verhaltens erfordern würden, erzeuge ich durch mein Verhalten in Anderen. Dann kann ich den Anderen kritisieren und damit das abgespaltene Gefühl verurteilen ohne zu merken, dass ich gegen mich selbst vorgehe.)
Konkret: Rasen soll das Gefühl von Freiheit herstellen, die sonst im Leben nicht erlebt wird. Durch die Bedrängung anderer Verkehrsteilnehmer wird das Gefühl der Enge übertragen, das in der eigenen Welt nicht bis in die Wahrnehmung dringen darf.

Rechthaberei ohne Verstand. Die Auseinandersetzung zwischen den Gegnern einer allgemeinen Geschwindigkeitsbegrenzung und den Befürwortern von Sicherheit und Gelassenheit auf den deutschen Straßen ist ähnlich unversöhnlich wie die zwischen Befürwortern und Gegnern der AfD: „Wir sind die Guten, die Anderen in die Irre geleitet.”

Wer hat Recht?

Tatsächlich unterscheiden sich die beiden Gruppen jeweils in der Weite ihrer Perspektive.

Befürworter der AfD haben einen zu engen Horizont, als dass sie sich vorstellen könnten, dass andere damit zurecht kommen können, christliche, muslimische und jüdische Nachbarn zu haben. Da ihnen selbst Fremde unheimlich sind, setzen sie alles daran Zwietracht zu säen.

Interessanterweise ist der Stimmenanteil der ausländerfeindlichen Partei dort besonders groß, wo der Migrantenanteil in der Bevölkerung besonders klein ist. Sachsen hat unter den deutschen Bundesländern die meisten Stimmen für die AfD, aber fast den geringsten Ausländeranteil (3,9%). In Berlin (15,5%) und Hamburg (14,7%) ist der Ausländeranteil erheblich größer, die Ausbeute für die AfD bei der Bundestagswahl klein gewesen. Sachsen 27%, Hamburg 7,3%, Berlin 11,4%.

Ähnlich mit dem Tempolimit: der Horizont der Raser ist klein. Letztlich bezieht er sich nur auf eine Person. Auf den Fahrer selbst. Die anderen sind im Weg, sind Hindernis, müssen aus dem Weg gehupt, geblinkt, geblendet und gedrängelt werden. Auch die Raser untereinander gönnen sich nichts.

Aufruf zur Entschleunigung

Hallo Raser. Ich will nicht rasen. Und ich will auch nicht weggedrängelt werden. Ich möchte in gleichmäßigem Tempo entspannt mein Ziel erreichen. Meine Weise der Fortbewegung hat denselben Stellenwert wie Deine.

Wenn ich es richtig beobachtet habe, sind es sogar deutlich mehr Menschen, die gelassenes Fahren bevorzugen. PS sind kein Freibrief für Rücksichtslosigkeit.

Ach ja, Spurwechsel ohne Blinker wäre auch noch so ein Thema…

Der Horizont der Befürworter eines Sicherheits-Tempos ist weiter. Er bezieht menschliche Bedürfnisse, Sicherheitsaspekte und Forschungen zum Verkehrsfluss mit ein. Man schaut auf die Gesamtheit der Autofahrer und des Autoverkehrs mit der Fähigkeit, eigene Impulse zurückzustellen.

Meine Obergrenze

Eine Geschwindigkeits-Obergrenze auf Autobahnen fußt auf Erfahrungen in fast allen Ländern Europas. Diese belegen, dass es überall dort deutlich weniger Verkehrstote gibt, wo ein durchgehendes Tempolimit eingeführt wurde und kontrolliert wird. Fast ganz Europa kann das, Deutschland kann es nicht. Wir lassen uns von einer Minderheit diktieren, dass Fahren auf der Autobahn Stress und Rücksichtslosigkeit, Unfälle und Tote bedeuten soll.

„Erfreulicherweise” reguliert sich das Ganze durch die zunehmende Überfüllung der Autobahnen. Durch das permanent überhöhte Tempo kommt es immer wieder zur Staubildung, die die Durchschnittsgeschwindigkeit senken. Auch die in Planung befindlichen automatischen Verkehrsleitsysteme arbeiten mit gleichen Geschwindigkeiten für alle. Das ist logisch, basiert auf Physik und nicht auf Egozentrik.

Wäre es konsequent, den Wochenendausflug an die Ostsee zu unterlassen? Aus Umweltgesichtspunkten sicherlich, denn ob schnell oder langsam gefahren, jede Fahrt trägt zur CO2-Last bei. Aber es ist ein grundlegendes Thema, ob wir uns von Egozentrikern unter Berufung auf ihre individuelle Freiheit eine Lebensweise aufzwingen lassen, die das Recht des Stärkeren wichtiger findet, als die größtmögliche Freiheit vieler.

Mit Rosa Luxemburg zu sprechen: „Freiheit bedeutet immer die Freiheit Andersdenkender.“ Das funktioniert genau so lange, bis die Andersdenkenden diesen Grundsatz mit Füßen treten.

Im Sommer war ich eine Woche wandern in den Pyrenäen. So viel Freiheitsgefühl bringt keine noch so schnelle Autobahnfahrt.

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